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The Caligula Effect: Overdose

Review: The Caligula Effect: Overdose

Tjark Michael Wewetzer, 05.03.2019

5

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Die tollsten Ideen bringen einem nichts, wenn man sie nicht vernünftig umsetzen kann. Das zeigte uns das 2016 erstmals in Japan veröffentlichte The Caligula Effect, welches trotz seiner spannenden Prämisse mehr einem grandiosen Desaster glich (zum Vita-Test). Zum allgemeinen Erstaunen hat Publisher FuRyu die Marke jedoch nicht wie eine heiße Kartoffel fallengelassen, sondern stattdessen ein neues Entwicklerstudio an Land gezogen und mit einer überarbeiteten Neuauflage betraut. Neue Dungeons, Charaktere und sogar ein komplett eigener Story-Strang wurden versprochen und die liefert The Caligula Effect: Overdose auch – inklusive einiger sinnvoller Verbesserungen. Doch leider bleiben auch in dieser Version reichlich Kernprobleme bestehen.

Realitätsflucht
The Caligula Effect spielt in einer virtuellen Welt namens Mobius. Unter der Leitung der KI Mu (oder auch µ für unsere Freunde des griechischen Zeichensatzes) tummeln sich hier die gebrochenen Seelen zahlreicher Menschen, die in einer Endlosschleife drei Highschool-Jahre durchmachen. In dieser ewigwährenden Blütephase ihrer Jugend sollen sie ihre Sorgen vergessen und sich ganz dem Paradies hingeben – Erinnerungen an die reale Welt werden schlichtweg blockiert. Da kein System perfekt ist, merken jedoch einige Schüler mit der Zeit, dass etwas nicht stimmt. Und ein paar von ihnen schließen sich zum Go-Home-Club zusammen, um einen Ausweg aus der digitalen Dauerschule zu finden. Darunter zählt natürlich auch euer eigener Charakter, dessen Geschlecht und Namen ihr bestimmen dürft. Der Auftritt als Mädchen oder Junge wirkt sich dabei maßgeblich auf diverse Charakter-Interaktionen aus. Ohne Gegenwehr kommt jedoch keiner aus Mobius: Die Ostinato Musicians, die sich ebenfalls der virtuellen Natur der Welt bewusst sind, wollen nämlich unter der Leitung von Mu und einem verschlossenen, als Thorn bekannten Mädchen allen den Kopf waschen, die den Frieden in Mobius stören zu gedenken.

War einer der Kritikpunkte des Vita-Originals noch die allgemeine Kürze des Rollenspiels, macht sich in Overdose der neue Zusatzcontent schnell bemerkbar. Neue Hauptszenarien mit zusätzlichen Charakteren für eure illustre Truppe sind nur eine Seite der Medaille, ihr dürft euch nun aber auch auf die Seite der Ostinato Musicians schlagen und so eine Reihe neuer Enden erspielen. Leider fühlt sich die Umsetzung eher ungeschickt an. Der neue Story-Pfad ist weniger eine separate Strecke als etwas, das sich wie eine parallel verlaufende Nebenquest anfühlt, und die neuen Szenarien nerven mit ihren jeweiligen Dungeon-Tricks – dazu später mehr. Klar kommt einem das Abenteuer auf diese Weise etwas umfassender vor und ein paar interessante Details werden definitiv zur Handlung hinzugedichtet, doch ändert dies nichts daran, dass die Hauptgeschichte über weite Strecken ziemlich lustlos vor sich hinplätschert.

Fünfhundert Freunde
Daran ändern leider auch die Charakter-Episoden recht wenig. Zur Erklärung: Jeder Begleiter mit Rang, Namen und Profilbild bringt eine Reihe kurzer Gesprächsszenen und einer Nebenquest mit, im Zuge derer ihr euch deren Sorgen annehmt und herausfindet, was für eine Person denn wirklich hinter dem steckt, was ihr seht. Das gilt dieses Mal sowohl für die Go-Home-Truppe als auch die Musiker, der dabei erzielbare Fortschritt wird jedoch leider nach wie vor durch die Hauptgeschichte vorgegeben. Dadurch fragt man sich unweigerlich, warum man überhaupt Freundschaftslevel unter den Team-Kollegen sammeln kann, wenn man diese zudem ohnehin bereits nach einem Dungeon-Durchlauf auf dem numerischen Höchstwert haben kann. Dann hätte man auch gleich darauf verzichten können.

Das gilt auch für die generischen NPC-Konversationen, auf die The Caligula Effect aus völlig unverständlichen Gründen viel Wert legt. In Mobius tummeln sich nämlich über 500 Figuren herum, die über ein massives Beziehungsnetz miteinander verbunden sind und allesamt – und ich meine wirklich ALLESAMT – in mehreren Stufen befreundet werden können, bevor sie euch mit einer Trauma-Quest zur Lösung ihres Problems aufrufen. Statt tiefgründige Beziehungen aufzubauen, plaudert ihr mit den Charakteren jedoch nur dreimal, bevor ihr ihr jeweiliges Leid in Angriff nehmen könnt. Dies löst ihr entweder unter Voraussetzung der richtigen Gegenstände im Handumdrehen oder ihr müsst erst mit dem Questgeber quer durch die Weltgeschichte marschieren, bevor der Fall zu den Akten gelegt werden kann. Nun gibt es auch hier interessante Ansätze, denn jeder Sektor des Netzwerks dreht sich um einen anderen, besonderen Fall, doch die verpuffen im Auge der immergleichen Dialoge, durch die man sich lustlos klickt. Weniger wäre in diesem Fall schlichtweg mehr gewesen. Immerhin gibt es für das Besiegen der persönlichen Dämonen – egal ob figurativerweise oder durch tatsächliche Handgemenge – Werte-Upgrades oder Ausrüstungsgegenstände.

Waren wir hier nicht schon?
Und dies wird spätestens in den verwinkelten Dungeons von The Caligula Effect praktisch. Wobei „Dungeons“ eigentlich nicht ganz der richtige Begriff ist, schließlich stellt man sich darunter mehr Höhlen, Kerker oder Tempel vor. Stattdessen erkundet ihr hier bestimmte Sektionen von Mobius, die verschiedenen Schauplätzen wie Bibliotheken, Festivals, Einkaufspromenaden oder auch einer schlichten Schule nachempfunden sind. Die in mehrere Abschnitte unterteilten Gebiete sind zudem keineswegs klein, leiden jedoch stark unter dem sehr eintönigen Design. Die ständig gleich aussehenden Korridore mit ihren abwechslungsarmen Gegnern langweilen schnell und selbst die kleinen Kniffe der Areale ändern daran nichts. In jedem Hauptgebiet gibt es nämlich Kernaufgaben zu lösen, die von Botenaufträgen über Suchspiele bis hin zu nervigen Quiz-Fragen mit weiteren Laufwegen als Strafe für Falschantworten reichen. Letztere beide sind übrigens Teil der neuen Dungeons, weswegen sie besonders negativ im Gedächtnis bleiben – unschön, da zumindest der zweite der beiden ein paar interessante Charaktere ins Spiel bringt. Die Ostinato Musician-Abschnitte schicken euch zudem erneut in die bereits erkundeten Gebiete, wenn auch mit angepassten Aufgaben und neuen Bossgegnern. Leider ändert dies nichts daran, dass ihr die eintönigen Umgebungen sehr ausführlich kennenlernt.

Stichwort Gegner: Natürlich marschiert ihr nicht einfach friedlich durch die Bereiche von Mobius, sondern werdet gelegentlich – oder alternativ auch auf aktiver Provokation eurerseits – von vollständig korrumpierten Studenten angefallen. Diese sogenannten Digiheads verwickeln euch dann in ein rundenbasiertes Scharmützel, das zumindest ein paar interessante Ideen bietet. So könnt ihr pro Zug bis zu drei Aktionen auswählen und sogar das Timing der Angriffe bestimmen. Statt des klassischen Rundensystems ziehen alle Akteure nämlich parallel gemäß ihres Angriffstempos, wobei die Aktionszeiträume eures Trupps an einer Zeitleiste am rechten oberen Bildrand erkennbar ist. Mit dem Imaginary Chain getauften System zeigt euch The Caligula Effect sogar, wie eure potenziellen Kombos aussehen können und wo ihr gegebenenfalls das Timing zu ändern hättet – wenn die Angriffe denn sitzen. Die Imaginary Chains bieten leider keine Garantie und die Trefferchancen schwanken im Normalfall, also auf etwa gleichem Charakter-Level zwischen Freund und Feind, im Bereich von 80 bis 95% - höher als letzterer Wert geht es gewöhnlicherweise nicht. Sind die Gegner dann noch stärker, sinkt die Trefferwahrscheinlichkeit noch weiter. Ihr könnt also die besten Kombos planen, nur um dann alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen zu sehen, weil das zweite Kettenglied durch einen Fehlschuss bricht. Theoretisch gilt es also, die Risiken abzuwägen und sich gegebenenfalls Sicherungen einzurichten.

Praktisch ist dies jedoch so gut wie komplett hinfällig. Auf normalem Schwierigkeitsgrad reicht es aufgrund der allgemeinen Schwäche der Gegner, dass ihr in regulären Scharmützeln auf die A-Taste hämmert und mit der Plus-Taste eure Kameraden in den Automatik-Modus schaltet. Bosse sind minimal kniffliger, lassen sich dann jedoch durch das richtige Ausspielen der Kampfmechaniken – also abgestimmte Kombos und so weiter – in wenigen Zügen auf die Matte legen. Als wäre das noch nicht genug, verfügt jeder Kämpfer auch noch über einen sogenannten Overdose-Skill, der in jedem Fall zu 100% trifft und mächtig Schaden anrichtet. Klar muss hierfür erst eine separate Anzeige aufgefüllt werden, doch mit einer vollen Ladung Overdose-Techniken lassen sich selbst Gegner zu Fall bringen, die schlappe 25 Level über euch stehen. Das kann sicherlich nicht Sinn der Sache gewesen sein. Immerhin gibt es auch noch zwei höhere Härtegrade sowie eine noch niedrigere Schwierigkeitsstufe, die jeweils eure Verteidigungswerte sowie die der Feinde beeinflussen. Wenn ihr auch nur ansatzweise Erfahrung mit RPGs habt und euren Kopf bei den Gefechten nicht komplett in den Leerlauf schalten wollt, sei euch von mir zumindest ein Start auf schwerer Stufe geraten. Glücklicherweise lässt sich diese Einstellung auch jederzeit im Optionsmenü anpassen.

Ich brauche wohl eine neue Brille…
Aber The Caligula Effect ließ auf der Vita nicht nur auf spielerischer Ebene zu wünschen übrig. Die Technik war ebenfalls grauenhaft! Die Switch-Version von Overdose läuft besonders im TV-Modus weitestgehend stabil, auch wenn bestimmte Sektionen immer noch ruckelanfällig bleiben – darunter zum Beispiel der neue Festival-Abschnitt. Im Handheld-Betrieb dürft ihr euch hingegen auf ein paar mehr Framerate-Einbrüche einstellen. In beiden Fällen hat das Spiel jedoch mit einem deutlich größeren Problem zu kämpfen: Das Bild ist ungemein verwaschen. Auch dies schwankt von Szene zu Szene, in der Regel müsst ihr euch jedoch mit äußerst unscharfer Grafik zufriedengeben. Das fällt vor allem bei den reichlichen Dialogsequenzen negativ auf, in denen sich zudem noch die nicht vorhandene Mimik der Charaktermodelle bemerkbar macht. Da wird wild gestikuliert und geschrien, ohne dass sich Lippen bewegen oder sonst eine Regung sichtbar wird. Klar war der Titel zuerst auf der Vita daheim, doch selbst die Konsole konnte eindeutig mehr.

Besagte Gespräche laufen übrigens mit japanischer Sprachausgabe zu englischen Untertiteln ab. Deutsche Texte gibt es leider keine. Ebenso wenig einen wirklich abwechslungsreichen Soundtrack, denn die vorhandenen Musikstücke in The Caligula Effect nerven tierisch. Dabei sind sie auf handwerklicher Ebene gar nicht mal schlecht. Jedes Gebiet wird – abhängig vom hiesigen Boss – von einer Instrumental-Melodie begleitet, die in Gefechten fließend in ein mit Gesang unterlegtes Stück übergeht. Nur sind die Sound-Schleifen dermaßen kurz und die Dungeons derartig lauflastig, dass ihr die Stücke eine gefühlte Ewigkeit zu hören kriegt, bis sie euch schlussendlich zum Halse raushängen. Auch wenn es dafür zugegebenermaßen innerhalb der Handlung des Spiels eine Rechtfertigung gibt, hört der Spaß spätestens dann auf, wenn man deswegen nicht mehr weiterspielen oder zumindest den Lautstärkeregler ganz nach unten drehen möchte.



Fazit:
Eines muss man FuRyu lassen: Der Publisher sah das Potenzial des Vita-Originals und wollte darauf unbedingt aufbauen, selbst wenn man dafür ein neues Studio an das Projekt heransetzen muss. The Caligula Effect: Overdose bringt somit auch tatsächlich diverse Verbesserungen mit. Es sieht insgesamt besser und übersichtlicher aus, die neuen Handlungselemente verleihen der Geschichte mehr Tiefgang und die Balance-Anpassungen machen das Spiel insgesamt ein wenig unterhaltsamer. Aber unterm Strich gibt es trotzdem noch viel zu viele Baustellen, als dass man hier von einem wirklich guten RPG reden kann. Das Persona-mäßige Freundschaftssystem wirkt aufgrund der schieren Anzahl an NPC-Partnern nicht nur überwältigend, es ist wegen der ewig gleichen Dialoge und sinnlosen Freundschaftswerte auch noch arg oberflächlich. Das Kampfsystem verbirgt einiges an Tiefe, lässt euch diese aufgrund der generell viel zu leichten Konfrontationen jedoch nie so richtig auskosten. Die Dungeons bringen ein paar nette Ideen mit, überspannen den Bogen auf der anderen Seite auch schnell und nerven mit ihren eintönigen Korridoren und Musikstücken. Nicht zuletzt lässt die technische Umsetzung der Switch-Version dank des verwaschenen Bildes und der immer wieder auftretenden Ruckler – besonders im Handheld-Modus – noch arg zu wünschen übrig. Was bleibt ist ein nach wie vor potenziell interessantes Abenteuer in einer virtuellen Welt, für das man jedoch reichlich Durchhaltevermögen braucht, um all die Ärgernisse zu erdulden und die Flucht in die Wirklichkeit auch wirklich durchzuziehen.

Alt+F4: Tjark Michael Wewetzer [Alanar] für PlanetSwitch.de

Vielen Dank an NIS America für die freundliche Bereitstellung des Reviewcodes.

Leserwertung:

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Deine Wertung:

-
Kein Wunder, dass die Protagonisten fliehen wollen! Ein eintöniges RPG mit interessanten Ideen, die trotz einiger Verbesserungen aber schlichtweg nicht aufgehen wollen.

Wertung

STORY:

5.0

SPIELWELT:

3.0

TECHNIK:

3.0
40
von 100

Interessantes Setting

Kampfsystem mit Tiefe…

Nette Extra-Inhalte

Mehrere Enden dank neuem Story-Pfad

Teils sehr unsympathische Charaktere

…die dank der simplen Gegner unnötig ist

Eintönige Dungeons mit auf Dauer nerviger Musik

Unsinniges Freundschaftssystem für über 500 NPCs von der Stange

Arg verwaschene Optik mit gelegentlichen Rucklern

Keine deutschen Texte

Wie werten wir?

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5 Kommentare

profil 593 comments
[05.03.2019 - 10:07 Uhr]
Regnat:
Na immerhin haben FuRyu und NIS America meine Kommentare gelesen und dafür gesorgt, dass nun beide Brüder ihre Erfahrungen damit sammeln konnten. :P
Wird es vielleicht auch ein Video von euch dazu geben? Ich selbst bin jedenfalls weiterhin interessiert an dem Spiel.
profil 1015 comments
[05.03.2019 - 11:05 Uhr]
Alanar Tjark Michael Wewetzer
Ein Video ist geplant, werde ich aber vermutlich erst nächste Woche nachreichen können.
profil 137 comments
[05.03.2019 - 18:41 Uhr]
Ogerscherge:
Danke für die Warnung. Eine andere Seite hat dem Spiel 90% gegeben, aber eure Review scheint sich mehr nach meinem persönlichen Geschmack zu richten. Bin an für sich kein Freund von JRPGs, es sei denn es sind Meisterwerke.
profil 593 comments
[06.03.2019 - 11:51 Uhr]
Regnat:
Lass dir Zeit. Wird es denn ein kommentiertes Video?
profil 1015 comments
[07.03.2019 - 15:27 Uhr]
Alanar Tjark Michael Wewetzer
War so von mir gedacht, ja.
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Spielname:
The Caligula Effect: Overdose

Typ:
Switch-Spiel

Jetzt Bestellen:
Zum Shop
Publisher:
NIS America

Developer:
Historia

Genre:
Rollenspiel

Release:
15.03.2019 (erschienen)

Multiplayer:
nicht vorhanden

Altersfreigabe:
Frei ab 12 Jahre

eShop Preis:
49,99 €

Spiel mögen:

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